Warum ich nach 21 Jahren immer noch neugierig bin

Die besten Ideen kommen nachts
Vor ein paar Tagen hat mich jemand gefragt, warum ich nach über 21 Jahren eigentlich immer noch Glasperlen mache.
Ich musste gar nicht überlegen.
Weil ich immer noch neugierig bin.
Die meisten Ideen kommen übrigens gar nicht am Brenner.
Sie kommen nachts. Kurz bevor ich einschlafe.
Plötzlich sehe ich Farbkombinationen vor mir. Oder Formen. Manchmal ist es nur eine Kleinigkeit, manchmal eine komplette Kette.
Am nächsten Morgen zieht es mich dann gleich wieder in die Werkstatt.
Ob die Idee wirklich funktioniert, weiß ich allerdings erst später.
Direkt vom Brenner wandern die Perlen zunächst in den Temperofen. Am nächsten Morgen öffne ich ihn wieder. Die amerikanischen Glasperlenmacher nennen diesen Moment Kiln Reveal. Ich mag den Begriff. Für mich fühlt sich das bis heute ein bisschen wie Weihnachten an.
Natürlich klappt nicht alles.
Manche Ideen funktionieren einfach nicht.
Andere überraschen mich total.
Und manchmal nehme ich eine Perle aus dem Ofen und denke einfach:
Ja. Genau so.
Manche Ideen bleiben
Es gibt allerdings auch Ideen, die mich schon viele Jahre begleiten.
Meine Blütenketten zum Beispiel.
Oder die Ketten mit den kleinen Glaspaddeln. Zu dieser „Clique-Kette“ gibt es übrigens auch eine Geschichte
Zu ihnen kehre ich immer wieder zurück.
Nicht, weil mir nichts Neues einfällt.
Sondern weil ich mich jedes Mal wieder neu in sie verliebe.
Mal verändern sich die Farben. Mal die Form. Manchmal entsteht aus einer kleinen Idee etwas völlig Neues.
Die ursprüngliche Idee bleibt.
Das Schmuckstück wird trotzdem jedes Mal ein anderes.
Hinter den Kulissen
Nach außen sieht das alles oft nach einer Ein-Frau-Manufaktur aus.
Ganz stimmt das allerdings nicht.
Während ich am Brenner sitze, hält mir mein Mann den Rücken frei.
Er packt Päckchen, bringt sie zur Post, kümmert sich um den Haushalt und erledigt unzählige Dinge, die im Hintergrund einfach laufen müssen.
Ohne ihn würde vieles deutlich länger dauern.
Dafür bin ich jeden Tag dankbar.
In den vergangenen 21 Jahren durfte ich an vielen Orten auf der Welt unterrichten und mein Wissen weitergeben.
Am liebsten arbeite ich trotzdem in meiner eigenen Werkstatt.
Hier entstehen die Ideen.
Hier darf ich ausprobieren.
Hier darf auch einmal etwas schiefgehen.
Und morgen?
In den letzten Jahren hat sich vieles verändert.
Meine Arbeit nicht.
Ich freue mich immer noch über Farben.
Ich freue mich immer noch über eine Idee, die plötzlich funktioniert.
Und ich freue mich immer noch darauf, morgens den Temperofen zu öffnen.
Vielleicht spürt man genau diese Freude später auch in meinen Schmuckstücken.
Zumindest höre ich das von vielen Kundinnen.
Sie suchen nicht einfach Schmuck.
Sie suchen etwas, in dem sie sich wiederfinden.
Und wenn eine Frau eines meiner Schmuckstücke anlegt, in den Spiegel schaut und lächelt:
„Das bin ich.“
Dann weiß ich, warum ich auch nach 21 Jahren immer noch neugierig bin.

