21 Jahre Glasperlen - wie sich meine Arbeit verändert hat

Seit über 21 Jahren fertige ich Glasperlen und handgefertigten Schmuck. Vieles hat sich in dieser Zeit verändert: Aus Ehrgeiz wurde Gelassenheit, aus einer Leidenschaft mein Beruf und aus dem Wunsch, immer besser zu werden, die Freiheit, meinen eigenen Ideen zu folgen. Warum ich heute in kreativen Phasen arbeite und daraus fast automatisch Unikate entstehen.

Glasperlenschmuck – 21 Jahre Kreativität und Entwicklung

Im ersten Teil meiner Über-mich-Serie habe ich erzählt, wie ich vor über 21 Jahren zum Glas gekommen bin und wie aus den ersten ziemlich unbeholfenen Versuchen irgendwann mein Beruf wurde.

Aber was passiert eigentlich, wenn man etwas so lange macht?

Man könnte meinen, irgendwann kennt man alles, hat seine Techniken gefunden und macht einfach weiter wie bisher.

Bei mir ist eher das Gegenteil passiert.

Vieles hat sich verändert: mein Anspruch an mich selbst, meine Art zu arbeiten und auch das, was mich heute antreibt.

Früher wollte ich vor allem eines: richtig gut werden.

Früher wollte ich zu Besten gehören

Als ich mit dem Perlenmachen anfing, hatte ich einen ziemlich großen Ehrgeiz. Ich wollte nicht einfach nur lernen, wie man Glasperlen macht. Ich wollte richtig gut darin werden.

Deshalb habe ich in den ersten Jahren viel gelernt und geübt und zwei- bis dreimal im Jahr Kurse bei amerikanischen Glaskünstlern besucht. Mich interessierte nicht nur, wie jemand etwas machte, sondern auch, was ich daraus für meine eigene Arbeit mitnehmen konnte.

Dieser Ehrgeiz hat mich viele Jahre begleitet. Rückblickend war er wichtig, denn ohne ihn hätte ich vermutlich nicht so viel ausprobiert, gelernt und wieder verworfen.

Irgendwann veränderte sich aber etwas. Es ging mir nicht mehr darum, zu den Besten gehören zu wollen.

Ich hatte meinen eigenen Weg gefunden.


Lernen hieß für mich auch: gemeinsam am Brenner sitzen

Besonders schön waren für mich damals die Beadcamps in Dänemark. Dort trafen sich Perlenmacherinnen und Perlenmacher aus verschiedenen Ländern Europas, die im Alltag meist irgendwo allein in ihren eigenen Werkstätten saßen.

Für ein paar Tage war das anders. Wir saßen stundenlang gemeinsam am Brenner, schauten uns gegenseitig über die Schulter, probierten neue Techniken aus und brachten uns Dinge bei. Dazwischen wurde zusammen gegessen, geredet und sehr viel gelacht.

Solange ich selbst noch einen anderen Beruf hatte und das Perlenmachen meine große Leidenschaft nebenher war, waren diese Tage etwas Besonderes.

2017 machte ich das Perlenmachen dann zu meinem Hauptberuf. Und damit veränderte sich auch mein Blick auf solche Treffen.

Plötzlich war stundenlanges Arbeiten am Brenner kein Ausnahmezustand mehr. Es war mein Alltag geworden. Beim Beadcamp saß ich nun zwar nicht in meiner eigenen Werkstatt und hatte Gesellschaft dabei, aber im Grunde machte ich dort das, was ich inzwischen jeden Tag machte.

Vielleicht war das einer der Momente, in denen mir bewusst wurde, wie sehr sich mein Leben verändert hatte: Aus etwas, auf das ich mich monatelang gefreut hatte, war mein Beruf geworden.



  • Beadcamp in Dänemark, 2017. Gemeinsam am Brenner sitzen, ausprobieren, voneinander lernen genau
    Beadcamp in Dänemark, 2017. Gemeinsam am Brenner sitzen, ausprobieren, voneinander lernen – genau das machte diese Treffen für mich damals so besonders.

Irgendwann stand ich selbst vorne

Während ich in den ersten Jahren möglichst viel von anderen lernen wollte, hatte sich meine Rolle irgendwann verändert. Ich gab nun selbst Kurse und unterrichtete andere Perlenmacherinnen und Perlenmacher.

Einer dieser Kurse führte mich 2017 nach Murano. Ausgerechnet dorthin, wo Glas seit Jahrhunderten zum Alltag gehört.

Ich weiß noch, wie besonders es sich anfühlte, dort morgens ins Studio zu kommen, die Arbeitsplätze vorzubereiten und anschließend meine eigenen Techniken weiterzugeben.

Gleichzeitig merkte ich auch hier etwas, das für meine weitere Arbeit wichtig wurde: Ich musste nicht mehr jedem neuen Impuls hinterherlaufen. Ich hatte inzwischen genug gelernt und ausprobiert, um immer stärker meinen eigenen Ideen zu vertrauen.



  • Murano 2017: der Blick aus dem Studio und die Vorbereitungen für meinen Kurs. Ein ziemlich
    Murano 2017: der Blick aus dem Studio und die Vorbereitungen für meinen Kurs. Ein ziemlich besonderer Ort, um Glasperlen zu unterrichten.

Ich arbeite in Phasen

Meine Arbeit entwickelt sich heute nicht nach einem festen Plan. Ich arbeite eher in Phasen. Und manche dieser Phasen kommen sogar immer wieder.

Hohlperlen sind dafür ein gutes Beispiel. Als ich das Perlenmachen lernte, fand ich diese Technik so schwierig, dass ich mir selbst eine Regel auferlegte: Zwei Jahre lang musste die letzte Perle des Tages eine Hohlperle sein. Jeden Tag. Ob ich Lust darauf hatte oder nicht.

Offenbar hat das Spuren hinterlassen. Denn Hohlperlen sind in den vergangenen 21 Jahren immer wieder aufgetaucht. Mal beschäftigten sie mich intensiv, dann verschwanden sie für eine Weile, später entdeckte ich sie wieder neu. Meine großen Hohlperlenketten waren eine dieser Phasen.

Im Moment bin ich ziemlich eindeutig in meiner Memphisphase. Grafische Formen, Punkte, Emaille, Glas und immer neue Farbkombinationen bestimmen gerade meinen Arbeitstisch. Eine Idee führt zur nächsten und plötzlich sehe ich schon wieder fünf neue Möglichkeiten.

Wie lange so eine Phase dauert, weiß ich vorher nie. Ich beschließe auch nicht, dass sie jetzt vorbei ist. Irgendwann merke ich einfach, dass mich etwas anderes stärker interessiert.

Und manchmal kommt ein Thema Jahre später wieder zurück. Nur bin ich dann eine andere Perlenmacherin als beim letzten Mal und mache etwas anderes daraus.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum meine Arbeit heute nicht genauso aussieht wie vor zehn oder zwanzig Jahren. Ich habe keinen Stil gefunden, den ich seitdem immer wieder reproduziere. Ich habe eine Art zu arbeiten gefunden, die Veränderung zulässt.

Deshalb gibt es bei mir so viele Einzelstücke

Ich werde manchmal gefragt, ob ich eine bestimmte Kette noch einmal machen kann. Noch viel häufiger passiert mir das bei einzelnen Perlen oder Komponenten für Schmuckdesigner. Manche Stücke, die ich vor Jahren gemacht habe, werden tatsächlich bis heute noch einmal angefragt.

Ich sage selten Nein. Aber für mich bedeutet so eine Wiederholung oft erstaunlich viel Aufwand.

Denn ich muss mich regelrecht wieder in die Phase hineinversetzen, in der das ursprüngliche Stück entstanden ist. Ich schaue mir an, was ich damals gemacht habe, welche Formen und Farben mich beschäftigt haben, und versuche, wieder in diese Gedankenwelt hineinzukommen. Eigentlich muss ich in mir dasselbe Gefühl hervorrufen, das ich beim ersten Mal hatte. Anders funktioniert es bei mir leider nicht.

Das klingt vielleicht umständlich. Ist es auch.

Viel natürlicher ist für mich, eine Idee weiterzuentwickeln. Eine andere Farbe, eine andere Form, eine andere Anordnung, und schon entsteht aus dem vorherigen Stück das nächste. Beim Arbeiten treffe ich ständig kleine Entscheidungen, und die fallen heute eben anders aus als vor drei oder fünf Jahren.

Natürlich ist das nicht die wirtschaftlichste Art, Schmuck herzustellen. Ein gut funktionierendes Design immer wieder genauso zu machen, wäre wesentlich effizienter. Aber so arbeite ich nicht.

Deshalb gibt es bei mir so viele Einzelstücke. Nicht, weil „Unikat“ besonders gut klingt, sondern weil jedes Stück aus dem entsteht, was mich gerade beschäftigt. Und wenn ich Jahre später dorthin zurückkehren soll, muss ich erst einmal wieder den Weg zurückfinden.

Was nach 21 Jahren bleibt

Wenn ich heute auf diese 21 Jahre zurückblicke, ist vielleicht das die größte Veränderung: Ich muss nicht mehr wissen, wohin eine Idee führt, bevor ich anfange.

Ich habe viel gelernt, viel ausprobiert und irgendwann aufgehört, jedem neuen Impuls hinterherlaufen zu müssen. Heute vertraue ich meiner eigenen Art zu arbeiten. Manches beschäftigt mich wochenlang, anderes verschwindet wieder, und manches taucht Jahre später plötzlich erneut auf.

Nach 21 Jahren bin ich also keineswegs fertig mit dem Perlenmachen. Zum Glück. Denn wahrscheinlich wäre genau das der Moment, in dem es langweilig würde.

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